Von Markus Bußler (Die Kitzinger)

Eigentlich hätte der künftige Wirtschaftsminister am Mittwoch in Lülsfeld sein sollen. Aber Deutschland braucht ihn zurzeit an anderer Stelle, in Berlin, um genau zu sein. Schließlich gilt es eine neue Regierung zu bilden. Und in einem solchen Notfall muss eine Wetterstation auch ohne den Vorstandsvorsitzenden der Unterfränkischen Überlandzentrale, Michael Glos, eingeweiht werden.
Freilich, der Mann, der an diesem Tag in Lülsfeld und anschließend bei seinem Vortrag in der Steigerwaldhalle in Wiesentheid im Mittelpunkt steht, hätte sich gern mit Glos unterhalten. Über den Deutschen Wetterdienst zum Beispiel. Jörg Kachelmann hat einige Seitenhiebe auf diese Behörde auf Lager.
Aber beginnen wir am Anfang. Es ist am späten Mittwochnachmittag, 16.25 Uhr, die Sonne scheint: Er ist noch nicht da. Robert Ruppenstein schaut sich auf dem Gelände der Unterfränkischen Überlandzentrale (ÜZ) in Lülsfeld nervös um. "Die vom Fernsehen haben gesagt, er kommt nie zu früh, aber auch selten zu spät", sagt er zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der ÜZ, Otto Eusemann. Die vom Fernsehen sollen Recht behalten. Fünf Minuten später rollt ein Volvo mit Schweizer Autonummer auf den Parkplatz.
Er ist da. Pünktlich, um die neue Wetterstation einzuweihen. Jörg Kachelmann, der Mann, den die beiden mit dem Zungenbrecher ARD-Fernsehwetterexperte begrüßen werden, der Mann, den eine Zeitschrift kürzlich zu Deutschlands bestem Wetterfrosch gekürt hat. Hochgewachsen, unrasiert, mit längeren, frisch geschnitten Haaren, mit Anzug und Krawatte - nein, mit einem Frosch hat er so wenig gemeinsam wie mit Maxi Biewer von RTL.
Letztere wird er später auf seinem Vortrag in der Steigerwaldhalle Wiesentheid lobend erwähnen. "Manchmal, lohnt es sich eben doch RTL zu schauen", sagt er. Ob aus fachlicher oder optischer Sicht, diese Frage bleibt offen. Andere Fragen können dagegen geklärt werden. "Wer glaubt, dass der Mond Einfluss auf das Wetter hat?", fragt Kachelmann. Gut 80 Prozent der etwa 1.200 Besucher melden sich. Kachelmann grinst. "Lasset ab von diesem Aberglauben", ruft er, ohne jedoch große Hoffnung auf Erfolg zu haben. Franken sind stur und denken sicher: Lasst den da vorne mal reden.
Unkompliziert und ohne Berührungsängste präsentiert sich Kachelmannn schon zu Beginn seines Vortrags, die Begrüßung wird mit einem einzigen Satz abgehandelt. "Ich begrüße Ilse Glos und die anderen Großkopferten in den ersten beiden Reihen." Die Besucher lachen, auch die Großkopferten.
Als die Wetterstation in Lülsfeld eingeweiht wird, ist das ein wenig anders, das Protokoll wird gewahrt, alle Amt- und Würdenträger werden von Otto Eusemann begrüßt, ehe Robert Ruppenstein die technischen Daten der insgesamt rund 22.000 Euro teuren Wetterstation erläutert. Die Temperatur wird von der Station gemessen, nicht nur die der Luft sondern auch die der Erdoberfläche. Windrichtung, Luftdruck, Niederschlagsmenge und vieles mehr wird digital an die Meteomedia GmbH übermittelt, deren Leiter Jörg Kachelmann ist. Dort wird dann die Wettervorhersage ausgearbeitet, zu sehen im Internet unter www.kachelmannwetter.de oder auch bei der aktuellen Wettervorhersage Das Wetter im Ersten.
Überfällig sei die Station gewesen, erklärt Kachelmann. Trotz Satelliten sei eine lokale Wettervorhersage nur möglich, wenn man auch lokal misst. Das Wetterstationsnetz in Franken hinke dem im restlichen Deutschland noch etwas hinterher. "Aber keine Angst, wir haben schon immer gewusst, dass Menschen in diesem Bereich Deutschlands leben", sagt Kachelmann. Schließlich stammt sein Vater aus Bamberg, aber schon mit drei Jahren zog er in die Schweiz.
Dass man als Franke einem Schweizer nicht zweimal auf dem Leim geht, beweisen die Besucher in der Steigerwaldhalle. Bei Kachelmanns zweiter Frage, wer einen Hundertjährigen Kalender zu Hause hat, melden sich schon deutlich weniger. "Ah", meint Kachelmann, "man ahnt schon, dass es eine schlechte Idee ist, die Hand zu heben." In der Tat: Den Hundertjährigen Kalender bezeichnet er als "völligen Blödsinn", schließlich sei von einem Abt nur sieben Jahre lang das Wetter beobachtet worden. Aus diesem Grund wiederhole sich der Kalender auch alle sieben Jahre.
Immerhin, manche Bauernregeln hält er für durchaus brauchbar. Beispielsweise die Siebenschläfer-Regel, die eine 70-prozentige Genauigkeit mit sich bringe, allerdings in etwas anderer Form: Wenn sich in der ersten Juli-Woche kein stabiles Hoch ausbilde, dann bleibe das auch während des restlichen Julis so. Wie gesagt, zu 70 Prozent.
Nachdem Kachelmann den Besuchern die Meteorologie näher gebracht und ihnen auf praktische, unkomplizierte und vor allem amüsante Art erklärt hat, wie Hochs und Tiefs entstehen, dürfen sie selbst Fragen stellen. Was sie auch tun, mit Anlaufschwierigkeiten. Die ersten Fragen drehen sich um Geologie und Astronomie - nicht unbedingt das Fachgebiet eines Meteorologen. "Sie können mir auch Fragen über Insekten stellen, die haben auch entfernt mit Wetter zu tun", scherzt Kachelmann, "aber ich werde sie Ihnen nicht beantworten können." Als dann noch einer fragt, ob der Mond Auswirkungen auf die Psyche des Menschen habe, meint Kachelmann lachend und kopfschüttelnd: "Offensichtlich stellt der zunehmende Halbmond für viele ein Problem dar."
Aber dann kommen sie doch noch, die Fragen rund ums Wetter. Und die Besucher erfahren, dass eine seriöse, langfristige Wetterprognose nicht möglich ist. "Am fünften Tag ist Ende der Fahnenstange", sagt Kachelmann. Schwieriger wird es schon bei den Fragen nach einer Klimaveränderung. Ob der schöne Herbst noch normal sei, will beispielsweise eine Frau wissen. Einzelfälle seien schwierig zu behandeln. "Wir sorgen uns um das Wetter der nächsten drei Tage", sagt Kachelmann, "wir sind wie Notärzte, die kurzfristig handeln."
Als sich am Ende der Veranstaltung ein Mann zu Wort meldet und fragt, weshalb sich Gewitter jedesmal vor ihm teilen und links und rechts an ihm vorbeiziehen, meint ein gespielt ernster Jörg Kachelmann: "Das ist ganz einfach, Sie sind Gott. Haben Sie das schon einmal mit Seen und Meeren versucht?" Die Leute lachen, Kachelmann schmunzelt und liefert noch eine wissenschaftliche Erklärung hinterher. Auch Gewittergebiete hätten Schwerpunkte und so könnte es sein, dass der Mann an einer schwachen Stelle des Gewittergebiets steht und es den Anschein habe, das Unwetter ziehe links und rechts vorbei.
Jetzt kann sich Kachelmann solche Witze leisten, in Lülsfeld ist das nicht angeraten. Schließlich ist sowohl ein evangelischer und katholischer Geistlicher anwesend. Die beiden segnen die neue Messstation. Und das ist, davon ist Kachelmann überzeugt, nicht nur eine symbolische Handlung. "Es hat sich gezeigt, dass gesegnete Stationen weniger Defekte haben, als Stationen, die nicht gesegnet sind." Insofern dürften die beiden Umschläge, die die Geistlichen von der ÜZ erhalten haben, durchaus als Investition in die Zukunft gesehen werden.
Am Ende seines Vortrags in Wiesentheid steht Kachelmann noch für Autogramm-Wünsche zur Verfügung. "Das sind keine Tauschobjekte", mahnt er, "nicht dass Sie meinen, für fünf Kachelmann-Autogramm bekommen sie eines von Michael Glos." Für die kranke Oma zu Hause unterschreibt er jedoch gern. "Ja ja", sagt Jörg Kachelmann, "ich kenne meine Zielgruppe."


FNr.2032+2036; LR

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